Lesung - Lesen wie die Verliebten
Sich vom Text überraschen lassen
Die alten Mönche raten, dass man beim Lesen geistlicher Texte so vorgehen sollte, als lese man sie zum ersten Mal und warte darauf, von Gott angesprochen zu werden.
Menschen, die uns lieben, sagen uns manchmal schmerzliche Wahrheiten. Auch die Texte der Bibel können provozieren und herausfordern, indem sie uns einen Spiegel vorhalten. Geistliche Lesung beginnt daher immer mit der Frage: Was willst du mir sagen, Herr?
Meditation – oder das „Wiederkäuen“ des Wortes
Dieses beständige Wiederholen eines Verses wird als „Wiederkäuen“ bezeichnet und zieht eine intensive Vertrautheit mit der Bibel nach sich: Das bei der Lesung empfangene Wort begleitet den Alltag mit seinen Handlungen und Tätigkeiten. Die Seele wird in ein Klima versetzt, aus dem heraus Meditation und Gebet spontan entspringen können.
Dies galt für die Mönche der frühen Kirche, deren ganzes Umfeld von der Bibel geprägt war, in weitaus höherem Maß als für den modernen Menschen der modernen westlichen Welt des 21. Jahrhunderts, auf den täglich eine unüberschaubare Flut von Reizen hereinbricht. Nicht wenige fliehen vor dieser Reizüberflutung in die Zerstreuung - und steigern sie dadurch noch. Die Lectio divina will aus der Zerstreuung und Reizüberflutung heraus- und in die Tiefe führen, indem sich der Beter auf einen Bibelvers konzentriert, ihn gleichsam langsam durchkaut und so genießt.
